Freitag, 13. April 2012

Gesprächsthema: Günter Grass


Ein Gedicht mit Folgen - und was darüber gesagt werden muss

Alle reden darüber. Überall wird über das umstrittene Gedicht geschrieben und Grass scharf kritisiert. Aber man hört nur davon. Lesen wir es also mal, denn man ist arrogant wenn man meint sich ein Urteil darüber bilden zu können, obwohl man nicht wirklich weiß worüber es handelt, selbst wenn manche Zeitungen bestimmte Zeilen zitieren doch leider vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen, so ist das selbstständige Lesen unerlässlich. Man sollte nicht vergessen dass ein Gedicht als ganzes zu lesen ist und einzelne Zeilen nicht ausschlaggebend sind.

Was gesagt werden muss, Günter Grass


Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.


Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.


Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten -
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?


Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt "Antisemitismus" ist geläufig.


Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muß.


Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.


Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir - als Deutsche belastet genug -
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.


Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.


Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.



Quelle: http://www.sueddeutsche.de/kultur/gedicht-zum-konflikt-zwischen-israel-und-iran-was-gesagt-werden-muss-1.1325809


In keinster Weise will ich hier meine Meinung dazu äußern, sondern nur zum eigenen Denken anregen und eben dazu nicht alles kritiklos hinzunehmen was die Zeitungen so schreiben. Solche Probleme haben immer 2 Gesichter.


Leider kommt zu der Debatte über das Gedicht inzwischen auch anderes hinzu, wie z.B. Grass Vergangenheit uvm. . Da wird es schwer objektiv zu sein.


Nehmen wir z.B. die Tatsache Grass sei in der SS gewesen. Auf der einen Seite ist es lächerlich immer noch ehemalige Nazis anzugreifen. Seien wir mal ehrlich: Fast alle haben mitgemacht oder auch einfach nichts gemacht. Unsere Großeltern haben im Krieg Menschen getötet und trotzdem lieben wir sie. Es war eine andere Zeit! Jeder macht Fehler! Zudem Grass damals kein 30 jähriger Erwachsener war, der wirklich wusste was er tat. Andererseits ist auch zu beachten, dass Grass, dessen Vergangenheit lange unentdeckt blieb, Bundeskanzler Kohl angegriffen hat, als dieser einen Soldatenfriedhof besuchte, auf dem auch SS-Gefallene liegen.


Dies war nur ein kleines Beispiel um zu verdeutlichen, dass die Dinge nicht schwarz und weiß sind, wir dürfen nie vergessen das Mitsprache nun mal Wissen erfordert! Lassen wir unsere Hybris einfach mal weg und informieren uns erst, oder halten einfach die Klappe, bevor wir anderen noch unser Lückenhaftes Wissen eintrichtern.